Und plötzlich fängt das Leben neu an

Julien Pierre betreibt trotz einer Behinderung am rechten Arm eine Kampfsportart

Trotz Einschränkung kann Julier alle Techniken zeigen

Aachen. Es war ein nasskalter Februar-Tag im Jahr 2006. Julien Pierre wartete am Aachener Bushof auf seinen Bus, als sich urplötzlich sein komplettes Leben änderte. Ein Busfahrer hatte den Jungen übersehen und an einem Betonpfeiler eingequetscht.

Julien verlor sehr viel Blut und Ärzte kämpften auf der Intensivstation des Klinikums um sein Leben. Tagelang befand er sich im Koma.

In 20 Operationen retteten ihm die Mediziner seinen rechten Arm, den er heute nur noch stark eingeschränkt benutzen kann.

„Ich musste in der Klinik lernen, mit der linken Hand zu schreiben, meine Schuhe mit einer Hand zu binden und mit meiner Behinderung zu schwimmen“, erklärt Julien.

Und seine Mutter ergänzt: „Die Ärzte haben ihm Muskeln aus dem Rücken sowie Adern und Haut aus den Beinen transplantiert, damit der Arm gerettet werden konnte.“

Beim heute 20-jährigen Julien wuchs der Wunsch, wieder mit dem Sport anzufangen. Denn vor dem Unfall war er leidenschaftlicher Kampfsportler.

„Ich habe es mit Fechten und Tischtennis probiert, doch immer wieder die Lust verloren.“ 2010 hatte er durch einen Film von der Kampfsportart „Wing Chun“ erfahren. Im Internet fand Julien heraus, dass in Eilendorf ein „Wing Chun“-Verein existiert und stellte sich vor.

Präsident und Coach Klaus Jeske erinnert sich an die erste Begegnung mit Julien: „Ich war anfangs natürlich unsicher, ob man mit einer solchen Behinderung diese Kampfsportart betreiben kann. Aber wir haben gemeinsam darüber gesprochen und dann das Training so abgestimmt, dass es passt.“

Von Anfang an war Julien im Verein akzeptiert. Und der Ehrgeiz treibt ihn an: „Alles, was andere mit beiden Armen machen, muss ich nur mit einem Arm schaffen. Ich muss doppelt so viel trainieren und schneller arbeiten als andere.“ Jeske packt ihn bewusst nicht mit Samthandschuhen an: „Jeder muss gegen ihn so antreten, als wäre Julien ohne Behinderung. Mir ist außerdem wichtig, dass er ein hohes Maß an Eigeninitiative zeigt. Ich muss nicht ständig neben ihm stehen und beobachten, wie er trainiert. Das kann er mittlerweile alleine schon sehr gut.“ Bis zu vier Stunden pro Woche trainiert Julien Pierre „Wing Chun“ in Eilendorf oder zuhause.

Außerdem meistert der junge Belgier auch noch ein Studium an RWTH. Der Student der Fachrichtung Rohstoff-Ingenieurwesen versucht das Beste aus seiner Situation zu machen.

„Ich habe durch ‚Wing Chun‘ Muskeln und Selbstbewusstsein gewonnen. Dabei bin ich meiner Familie unendlich dankbar, die mich unterstützt. Gemeinsam haben wir alles gemeistert.“

Klaus Jeske ist von Juliens Entwicklung begeistert: „Er ist ein ganz normaler Junge mit einem ausgefüllten Leben.“

(Dieser Artikel erschien am 05.01.2014 beim Zeitungsverlag Aachen)

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